Die Post kommt per Rakete

Ich hätte im Leben nicht von Gerhard Zucker erfahren, wenn ich nicht Donald John am Strand von Huisinis getroffen hätte. Er ist einer der letzten 20 lebenden Menschen, die auf der „aufgegebenen“ Insel Scarp geboren wurden, gleich gegenüber von Huisinis. Kaum realisierte er meine Herkunft, schon gab er die unglaubliche Geschichte vom Postraketenmann zum Besten.

Gerhard Zucker gehörte in den 1930er Jahren zu den Ingenieuren, die mit Raketen zur Postbeförderung experimentierten. 1934 kam er auf die Hebriden-Insel Scarp, um den Schotten die Innovationskraft seiner Postrakete vorzuführen, bzw. er wollte sie den Schotten als DIE LÖSUNG “ für ihre abgelegenen Destinations verkaufen“, ist klar. Und Scarp war perfekt für die Demonstration.

Die kleine Insel liegt im Nordwesten von Harris und ist nur wenige Bootsminuten von der Hauptinsel entfernt. Aber bei schlechtem Wetter, praktisch ständig im Herbst und Winter, sind Überfahrten unmöglich, sodass die Bewohner damals lange auf Post und Informationen warten mussten.

Scarp war also perfekt für Zuckers Lösung zur Postübermittlung und für eine erste Demonstration. Nur leider ging es in die Hose. Die Rakete explodierte direkt nach dem Zünden und schrottete die Post. Shit! Der frühere Scarp-Bewohner Angus Duncan schreibt in seinen „Memories of Scarp“ lakonisch: „Der verzweifelte Zucker wurde mit Tee im Missionshaus getröstet.“

Das war das Ende der Postraketen in Schottland. Und auch sonst nirgendwo konnte sich die Idee durchsetzen. Die Scarper mussten noch ein paar Jahre warten, dann bekamen sie 1947 zumindest eine hübsche rote Telefonzelle. Und der erste Anruf aus dieser Zelle überbrachte die freudige Nachricht, dass Donald John geboren wurde, den ich ziemlich genau 70 Jahre später am Strand von Huisinis traf.

Die Raketengeschichte ist hier natürlich legendär. 2001 wurde sie sogar unter dem Titel „The Rocket Post“ verfilmt. Der Film kam aber erst ein paar Jahre später raus und lief, soweit ich herausgefunden habe, nur in Großbritannien.

2018 wurde tatsächlich noch mal ein neuer Postraketenversuch gestartet. Die Post kam aber auch beim zweiten Start nicht an. Diesmal versank sie im Meer.

Weil das Wetter so famos war, hab ich stundenlang mit Rossi im Gras gelegen, nach Scarp rübergeschaut und die Basstölpel bewundert, wie sie sich kopfüber ins Wasser stürzen. Eine Ottersichtung (die zweite) hatte ich auch. Aber der Kerle war zu weit weg für ein gutes Foto. Rossi hat sich mehr für die vielen Bunnies interessiert… und hätte gerne nähere Bekanntschaft mit einem flauschigen Lamm geschlossen. Er scheint sie für ne etwas merkwürdige Hunderasse zu halten. Aber man lässt ihn ja leider nicht in ihre Nähe 🙁

Einige der Häuser auf Scarp sind noch erhalten. Vorne sieht man das alte Missionshaus, in dem der verzweifelte Zucker mit Tee getröstet wurde. 2019, zwei Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Donald John, hat er mich eingeladen, Scarp zu besuchen und ich bin auf der Insel und sogar im Missionshaus gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte 😉

 

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