Eine „Ferien“Wohnung mitten in Peking

Von Deutschland aus eine günstige Unterkunft für unsere Individualreise nach Peking zu finden, war nicht so einfach, weil die Reisebüros einem natürlich ihre Hotels und nicht eine Jugendherberge anbieten und im Internet wurden wir auch nicht so schnell fündig. Wir brauchten erstmal eine Weile, bis wir die richtigen Suchbegriffe gefunden hatten. Entscheidend für den Erfolg war die Verwendung der Wortkombination „Hostel“ (Jugendherberge) + cheap + Beijing. Das brachte uns auf eine Reiseseite für Rucksacktouristen (Bootsn All Travel) mit einer großen Auswahl günstiger Unterkünfte in Peking (und sonst wo in der Welt).

Dahinter steckt die gleiche Idee wie bei dem inzwischen bekannteren Airbnb. Zu unserer Entschuldigung sei angemerkt, dass uns diese Art von Unterkünften 2007 noch völlig unbekannt waren, und wir uns keine Gedanken darüber gemacht haben, dass wir damit Menschen in Peking Wohnraum wegnehmen. Das war für uns neu und sensationell. Es war wirklich toll, mitten unter Chinesen zu leben und mehr von ihrem echten Leben mitzubekommen, als in der abgeschirmten Hotelwelt.

Die Auswahl der Hostels bei Bootsn All Travel reichten vom Matratzenlager in einer Jugendherberge bis zum Luxusappartement. Die Preise lagen zwischen 3 Euro/Nacht und 100 Euro/Nacht, dann hat man aber gleich ein ganzes Haus gemietet.

Wir haben uns beim Anbieter StayinBeijing.com (gibt es anscheinend nicht mehr) ein Appartement mit Schlafzimmer, Küche und Bad ausgesucht. „Stay in Beijing“ hat in drei großen Wohnblöcken Appartements angemietet, die tageweise an Touristen vermietet wurden. Wir waren im Hepingmen Apartments untergebracht.

Mitten unter Chinesen

Die Wohnanlage (Foto oben) sieht zwar nicht so ansprechend aus, fanden wir aber optimal. Wir waren mitten unter den Chinesen und nicht im Hotel unter Touristen. Und wir hatten eine Wohnung für uns, konnten tun und lassen, was wir wollten, kommen und gehen wann wir wollten. Hatten eine Küche mit Herd, Geschirr und Kühl-/Eisschrank, Fernseher (es gab sogar einen englischen TV-Kanal) und vor allen Dingen: wir hatten eine Waschmaschine. Die kannte zwar nur 30° Wäsche, aber immerhin… Wir waren also glücklich in unserem kleinen Reich.

Der Preis betrug etwa 11 Euro pro Person und Nacht. Bei dem Reiseportal musste man eine Buchungsgebühr (etwa 30 Euro) bezahlen, damit war das Appartement gebucht. Die Rechnung für die 10 Tage in dem Appartement mussten wir dann erst Vorort in Peking bei der Managerin Cin begleichen.

Our Housemaid

Ziemlich lustig war die Ankunft im Hepingmen. Der (bestellte) Taxifahrer, der uns vom Flughafen abgeholt hatte, rief während der Fahrt an und sagte Bescheid, dass wir gleich kommen. Vor dem Haus wartete unser „Housemaid“ auf uns, um uns in die Wohnung zu lassen. Wäre sonst auch ziemlich schwer gewesen, die richtige Wohnung zu finden. Mit dem Aufzug ging es raketenmäßig schnell in die 11. Etage, dann Tür auf und rein. Das war also unser Appartement! Was total irritierend war: das Mädel (ca. 35-40 Jahre) zog sich die Schuhe aus und hatte neben der Tür ein paar Badeschlappen stehen, in die sie schlüpfte. Wohnt sie auch hier? Dann hatten wir ein kommunikatives Problem: sie sprach kein Englisch. Sie sagte etwas von Cin, der Managerin, mit der wir im Vorfeld per Mail alles klar gemacht hatten. Aber wir wussten nicht, was sie sagte. Ob Cin gleich kommt, ob wir sie anrufen sollen, oder ob sie nicht kommt… Puh!

Also saßen wir drei alle auf dem Doppelbett mit einer knochenharten Matratze, lächelten uns gequält an und harrten der Dinge. Gott sei dank kam dann Cin und wir hatten einen englischsprachigen Menschen unter uns. Mit ihr haben wir ausgemacht, dass unser Housemaid nur alle 2 Tage kommen muss, um die Wohnung ein bisschen durchzuwischen. Wir hatten gar nicht gewusst, dass wir ein Housemaid haben würden und waren mit der Situation ein bisschen überfordert.

Leben in Peking

Unser Wohnkomplex gehörte ohne Frage zu den besseren Anlagen in Peking. Da es während unserer 10 Tage im Mai sehr heiß war, hatten alle ihre Fenster auf. So durften wir intensiv am chinesischen Leben teil haben. In der einen Wohnung wohnte z.B. ein Musiklehrer. Nachmittags kamen die Schüler und übten Geige oder Klavier (hörte sich je nach Schüler meist gut an) aber gelegentlich kamen auch Mädels, die ihre Nachtigallenstimme trainierten. Das war nur schwer zu ertragen. Die Chinesen haben eine andere Tonleiter als wir, okay. Aber was die Mädels da zusammen gejault haben, war selbst für chinesische Verhältnisse eine Zumutung.

Eines Nachmittags, als ein männlicher Gesangsschüler da war (der recht manierlich sang) hat anscheinend jemand Beschwerde eingelegt, denn unten im Hof erschallte ein Megaphon durch das ein paar unfreundliche Worte gebrüllt wurden. Etwas in der Art wie: „Ruhe! Mach das Fenster zu“ war. Danach war jedenfalls Ruhe.

Am späten Nachmittag, wenn sie von der Schule nach Hause kommenm spielen die Kinder im Hof Fußball, dann ist Action angesagt, an der der ganze Komplex geräuschmäßig teilhaben darf. Die Kinder haben nach der Schule etwa 1-2 Stunden zum Spielen, bevor sie hoch zum Abendbrot und in die Kiste müssen.

Vormittags saßen die Rentner mit ihren kleinen Enkelkindern im Hof und brachten ihnen das Laufen bei. Oder es wurde Tai Chi geübt, mit dem Diavolo gezaubert oder auch Federball gespielt. Eines Nachmittags, als wir im Hof eintrafen, stand mitten im Hof ein kleines Mädchen, vielleicht 8- 9 Jahre alt, und spielte Geige. Und zwar richtig gut. Etwa 10 Meter weiter hatten die Hepingmen Hupfdohlen gerade eine Probe und machten Aerobic zu einem Lied made in Germany: Dsching, Dsching, Dschingis Khan… Den Refrain konnten wir mitsingen!

Damit unsere Wohnanlage nicht von Händlern oder gar Bettlern heimgesucht wird, von Dieben und Gaunern gar nicht erst zu reden, stehen vor den verschiedenen Eingängen Wachtposten. Die meisten der armen Jungs stehen den ganzen Tag nur stumm und unbeweglich auf der Stelle. Ab und zu laufen sie mal ein paar Schritte hin und her. Einer war ein bisschen aufgetauter und hatte nach drei Tagen den Mut, zu fragen, wo wir herkommen. So richtig gut kannte er sich nicht aus, aber wo Europe ist, konnte er sich so ungefähr vorstellen.

Praktisch an der Wohnanlage war auch, dass man nie lange nach einem Taxi suchen musste. Sobald man auf die Straße trat, kam in spätestens 1-2 Minuten ein Taxi vorbei. Meist standen sie sogar schon da und warteten.

Auch sehr angenehm war der Obst und Gemüsehändler mit seinem Karren, der Abends immer vor dem Eingang stand. In den Hof durfte er natürlich nicht rein! Wir haben reihum alle möglichen unbekannten Früchte durchprobiert. In China gibt es allein tausend verschiedene Sorten Melonen in allen Größen von Pflaumengroß bis Wasserball. Eine heißt z.B. Toyota, aber die war nicht so spektakulär. Geschmacklich ist zwischen vielen Sorten kein großer Unterschied festzustellen, obwohl sie optisch unterschiedlich wie Tag und Nacht aussehen. Am besten waren auf alle Fälle die Wassermelonen, da hätte ich mich reinlegen können…

Also Fazit, wir waren happy mit unserem Appartement und dass wir ein bisschen das Mittelklasse Leben in Peking kennenlernen konnten.

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