Rentner fahren einfach (?) Dreirad

Ganz ehrlich, wir hatten uns das einfach vorgestellt. Vater fährt Dreirad und wir müssen uns keine Sorgen mehr machen, dass er beim Auf- oder Absteigen umkippt oder vom Fahrrad fällt. Aber der Wechsel von Fahrrad auf Dreirad war doch nicht so einfach.

Viele Jahrzehnte auf dem Herrenrad mit Stange gefahren. Dann wird der Aufstieg über die Stange (hoch das Bein) zu mühsam und das Herrenrad wird durch ein Damenrad ersetzt. Dieses wird schon bald durch ein Rad mit tiefem Einstieg getauscht. Dann kommt das nächste Rad mit elektronischer Unterstützung. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem er auch sein schönes Elektrorad abgeben muss. Er ist schon mehrfach gestürzt und das Auf- und Absteigen klappt gar nicht mehr.

Als der nächste Frühling kommt, würde er es doch gerne noch mal probieren. Protest und Panik – auf gar keinen Fall!!! Wir denken über Alternativen nach und sind dann natürlich direkt beim Dreirad. Da kann er nicht mehr umkippen. Wenn Dreirad, dann natürlich auch noch mit Elektro-Unterstützung. Damit sind wir preislich schon im vierstelligen Bereich. Also gebraucht kaufen. Wir fahren bis nach Kalkar (knapp 100 km), um uns ein gebrauchtes Dreirad anzusehen.

Die Probefahrt ist ein Desaster. Nach 3 Metern steht er schon halb im Graben. Auch mein erstes Mal auf dem Dreirad löst leichte Panik aus. ALLES ist anders. Die Straße ist leicht nach links abschüssig, das Rad steht schief, ich kippe, Hilfe. Ist nur ein Gefühl, alles ist in Ordnung. Ich kippe nicht, aber es fühlt sich so an. Ich bin auch nicht mehr Herr bzw. Herrin über den Lenker. Der macht ganz andere Sachen als ich will, und geht irgendwie in die falsche Richtung. Das scheint er ganz von selbst zu machen. Ich muss anders ausbalancieren, mich anders in die Kurve legen… Ich schaff es immerhin unfallfrei bis in die nächste Straße. Für die Wende muss ich absteigen und das Fahrrad umdrehen. Ich komm nicht um die Kurve. Ich bin gar nicht mehr so sicher, ob ein Dreirad eine gute Idee ist.

Vater entschließt sich trotz der katastrophalen ersten Fahrt zum Kauf und wir kriegen es tatsächlich mit Ach und Krach ins Auto rein. Sollte wohl so sein. Wissen immer noch nicht, ob wir uns freuen sollen oder nicht. Zur Not können wir es wieder verkaufen…

Der Vorbesitzer hat erzählt, dass er eine Woche geübt hat, bis er das Dreirad im Griff hatte. Vaters zweite Fahrt in unserer Wohnstraße läuft nicht viel besser als die erste. Er kommt überhaupt nicht mit dem Lenken klar. Nein, eigentlich beginnt das Problem schon beim Aufsteigen. Er will wie gewohnt in die Pedale treten und dann los. Dabei bewegt er das Lenkrad zu stark und die Fahrt endet schon vor dem Beginn am Bordsteig.

 

 

Er muss lernen, dass er erst aufsteigen und sich setzen muss, bevor er die Füße auf die Pedale setzt. Die Pedale sind weiter hinten positioniert als bei seinem Fahrrad. Es ist nicht leicht, die Füße in diese ungewohnte Position zu bringen. Auch die Körperhaltung ist eine andere, die Arme sind weiter gestreckt. Und er muss lernen, dass er nach dem Bremsen sitzen bleiben muss, statt vom Rad zu springen. Er muss lernen, dass das Lenkrad anders reagiert, dass das Dreirad auf einer schräg nach rechts oder links abfallenden Straße eine leichte Schlagseite bekommt und dass er nicht umkippt. Er muss die Kurven anders planen, und einen größeren Abstand zu parkenden Autos und Gegenverkehr einkalkulieren.

Beim zweiten Training schiebe ich ihn und er muss nichts anderes machen als geradeaus zu lenken. Was nicht sonderlich gut klappt. Oh je, hoffentlich wird das was.

Am dritten Tag endlich hat sich sein Kopf darauf eingestellt, dass er nicht mehr Fahrrad fährt sondern ein ganz anderes Gefährt. Aber er sitzt immer noch sehr angespannt und schief auf dem Rad.

Während ich dies schreibe, fährt er mir mal von rechts nach links, mal umgekehrt durchs Bild. Von meinem Schreibtisch aus, habe ich die Straße gut im Blick und kann verfolgen, dass er immer sicherer auf seinem Dreirad wird. Vor allem hat er verstanden, dass er nicht absteigen darf, wenn er bremst. Er DARF sitzenbleiben. Er kann zu den Nachbarn fahren, anhalten, und vom Rad aus mit ihnen schwätzen.

Die erste Fahrt in freier Wildbahn – durch eine Wohnstraße und die Felder ist wieder eine totale Katastrophe. Statt um die Kurve zu fahren, landet er im Vorgarten eines Anwohners. Nicht schlimm, der ist gepflastert, aber ich beginne zu schwitzen. Die Begegnung mit anderen Verkehrsteilnehmern, egal ob Auto, Fahrrad oder Fußgänger macht ihn so nervös, dass er völlig irrational handelt. Statt einfach zu halten und die anderen vorbei zu lassen, glaubt er sein Rad auf die Bankette schieben zu müssen. Was Absteigen, Aufsteigen, neu Anfahren bedeutet – was er nicht wirklich gut kann. Aber er will natürlich gleich durch bis nach Osterrath fahren und dann umkehren. Ich überzeuge ihn glücklicherweise, dass die halbe Strecke für den Anfang genug ist.

Dann kommt ihm ein Auto entgegen. Er fährt prima rechts, alles gut. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wird er kurz vor der Begegnung panisch und zieht nach links rüber. Direkt in die Fahrbahn des Autos. Vollbremsung. Kein Unfall, aber fast einer. Ich bin kurz vorm Herzkasper. Ich hab starke Zweifel, dass wir ihn jemals unbeaufsichtigt fahren lassen können. Nach einem Tag Pause (und mentaler Erholung) übt er wieder in unseren Straßen. Sieht schon besser aus. Ich übe mit ihm Anhalten (ohne absteigen oder Füße von den Pedalen) und aus dem Stand anfahren und abbiegen.

Wenn du die Mobilität deiner Eltern durch ein Dreirad noch ein paar Jahre erhalten möchtest, hab Geduld. Das dauert. Stell dich aber auch auf die Möglichkeit ein, dass ein Dreirad nicht das Richtige ist. Es ist ganz was anderes als ein Zweirad und das Fahren muss neu erlernt werden.

Es hat mehrere Wochen gedauert, bis er so sicher war, dass er sich die Fahrt zum Einkaufen getraut hat. Inzwischen macht er täglich eine Tour von 5 bis 10 km.

ABER (Nachtrag): Nach einem Jahr war der AKKU platt. Neuer Akku wird teuer! Das solltet Ihr unbedingt beim Kauf eines gebrauchten Rades einkalkulieren. Wir wussten nicht genau, wie alt das Rad ist, wie lange und wie viel damit gefahren wurde. Nach einem Jahr war der Akku nach jeder Tour so gut wie leer.

Also wollte mein Vater einen neuen. Ha ha. Gibt es nicht. Das Modell wird nicht mehr hergestellt. Nach einigem Suchen haben wir ein Unternehmen gefunden, das alte Akkus aufarbeitet. Nach zwei Wochen hat er den reparierten Akku wiederbekommen und war 420 Euro los. Somit haben wir für das „günstige“ gebrauchte Rad dann auch über 1.000 Euro gezahlt. Die Investition war es aber wert, so kann er weiter zum Bauern fahren und Milch holen oder einkaufen, oder Freunde besuchen…

Ach ja, auf einer seiner Touren durch die Felder hat er sich einenReifen plattgefahren. Er hat es dann geschafft, bis zum nächsten Bauern zu schieben und von dort aus anzurufen, dass ich ihn abholen soll. Das „Abholen“ sah so aus, dass er mit dem Auto nach Hause fuhr und ich sein Rad die letzten 2 km nach Hause schieben durfte. Ich hab aus der Geschichte zwei Sachen gelernt:
1. Immer das Handy mitnehmen!
2. Ein ausreichend großes Auto, in dem das Dreirad bei Bedarf transportiert werden kann, ist absolut von Vorteil 😉

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