Wir kriegen ein Wohnmobil

Nach dem Tod meines Vaters hatte ich nur noch einen Gedanken: Ich muss hier raus. Weg von all den negativen Erinnerungen und dem Horror der letzten Monate. Endlich mal wieder was Schönes sehen und erleben und wieder schlafen können. Also Urlaub vom Alltag und weg. Was durch die Plegebedürftigkeit meiner Mutter mit 24-Stunden Versorgung jedoch nicht so einfach war.

Anfangs haben wir noch verschiedene Szenarien durchgesprochen, dass ich alleine fahre. Verhindertenpflege reichte für meine 88-jährige Mutter nicht mehr aus, sie brauchte den ganzen Tag jemanden. Kurzzeitpflege im Altenheim wollte sie nicht. Dass jemand aus dem Freundes- oder Verwandtenkreis zu ihr kommt, gefiel ihr auch nicht. Sie hatte die blauäugige Vorstellung, sie kommt schon noch alleine klar und ab und zu können ja mal die Nachbarn nach ihr schaun. Nein.

Also alleine wegzufahren fiel aus. Mutter musste mit. Und jetzt wurde es schwierig, denn sie ist weitestgehend immobil. An guten Tagen schafft sie noch etwa 50 Meter mit Rollator am Stück. Die Tumore an den Lungenflügeln nehmen ihr die Luft und sie japst schon nach wenigen Schritten. Stufen oder Treppen gehen gar nicht. Sie braucht die verschiedensten Pflegehilfsmittel und Berge an Tabletten.

Urlaub mit Pflegegrad 3 – was haben wir für Möglichkeiten?

Hotel? abgelehnt
Ferienwohnung? Nein.
Kreuzfahrt? Geht nicht wegen Rossi

Und dann ein ganz anderer Vorschlag: wir fahren mit dem Wohnmobil. Während sie bei allen anderen Vorschlägen sofort protestierte, wurde sie jetzt nachdenklich. Der Gedanke, dass sie mit ihren 89 Jahren tatsächlich noch mal auf Reisen geht, schien nicht mehr so abwägig. Die Idee schien ihr mehr und mehr zu gefallen. Wir können zusammen verreisen, aber wir brauchen ein Wohnmobil…

So begann die Suche nach einem Wohnmobil. Die Einrichtung musste für meine immobile Mutter passen und der Hund musste natürlich auch mit. Nicht so einfach, Mieten wurde schwierig. Also kaufen? Schon war ich mitten in den Wohnmobil-Anzeigen. Und dann dauerte es nur wenige Stunden und ich war preislich weit über unserem Kontostand. Im Saarland fand ich das perfekte Wohnmobil, wie gemacht für uns. Der Knackpunkt waren die getrennten Einzelbetten, in das meine Mutter ohne Probleme einsteigen konnte. Das Womo war wie für uns gemacht. Nur leider lag der Preis weit über unserem Etat…

Aber ich wollte DIESES Wohnmobil. Dieses oder keines. Ich fuhr ins Saarland zur Besichtigung und Probefahrt und es schien wirklich UNSER Womo zu sein. Ich musste irgendwie das Geld beschaffen. Drei Wochen lang wurden alle Reserven zusammengekratzt, verkauft, was schnell zu Geld gemacht werden konnte (u.a. Vaters Münzsammlung) und irgendwie hab ich es geschafft, das Geld für das Wohnmobil und die Reise aufzutreiben, ohne dass wir einen Kredit aufnehmen oder jemanden anpumpen mussten.

Mit dem Zug ins Saarland gefahren, um das Womo abzuholen. 300 km können ein unvergessliches 8-stündiges Erlebnis werden, wenn man mit der Bahn fährt. Anfangen damit, dass sie nicht fuhr und ich 2 Stunden blöd in Osterrath rumstand. Aber ich kam doch noch ins Saarland und dann war ich stolze Besitzerin eines superschönen Wohnmobils und fuhr begeistert nach Hause. Die Kiste fährt sich himmlisch und hat eine funktionierende Klimaanlage. Anders als mein Peugeot, der gar keine hat.

Meine anfängliche Euphorie und Begeisterung erfuhr einen kleinen Dämpfer, als sich beim Straßenverkehrsamt herausstellte, dass das Womo kein EURO 4 hat und ich somit nicht in Städte mit Umweltplakette fahren kann. Ich beruhigte mich dann aber schnell wieder, weil ich ja eh keinen Städtetourismus anstrebte.

Etwas Stress gab es auch noch, weil die beiden Versorgungsbatterien nach langer Standzeit des Womos kaputt waren und ich neue ranschaffen musste. Keine Ahnung, warum das so schwierig war. Es gab keinen Autozubehör Laden in der Nähe, der mir mit Batterien in der passenden Größe weiterhelfen konnte. Letztlich musste ich sie übers Internet ordern. Egal. Angeschlossen, Strom läuft.

Kleine Optimierungen

Nachdem es angemeldet war, wurden Rossi und meine Mutter langsam an das Fahren im Wohnmobil herangeführt. Dabei zeigte sich schnell, dass es noch nicht „altengerecht“ ist und einiges für meine Mutter angepasst und optimiert werden musste. Zum Beispiel war der Originaltisch zu breit und ließ ihr zu wenig Platz auf der Sitzbank. Sie saß da wie ein Hering in der Ölsardinendose. Also neue, schmälere Tischplatte zugeschnitten und montiert. Die Matratzen waren knochenhart und mein Rücken schrie nach 2-Probenächten HILFE!!! Ich zimmerte einen auf meine Mutter abgestimmten Einstiegshocker. Fand eine Lösung für einen „Bettgalgen“, damit sie Hilfe beim Einsteigen ins Bett hat und sich umdrehen kann. Es kam ein Vorhang zwischen Fahrerkabine und „Wohnraum“ und noch einiges anderes…

Gut zwei Wochen nach dem Kauf war alles soweit fertig und gepackt, dass wir zu unserer ersten Reise aufbrechen konnten. Es sollte nach Skandinavien gehen. Wir wollten – bzw. ich hatte es so geplant – gen Schweden aufbrechen, unsere Freunde besuchen, noch einmal unser früheres Sommerhäusschen sehen… und ich wollte so gerne, dass meine Mutter hoch im Norden Elche, Rentiere und Polarlichter zu sehen bekommt… Ich hatte also einiges vor…

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