Auf dem Weg zum Milford Sound

Mehrere Monate der Reisevorbereitung waren vergangen und viele aufregende Planungen. Nun standen meine Eltern mit feuchten Augen am Pacific und schauten ehrfurchtvoll in die Ferne. Gedanklich einmal halb um den Globus, runter nach Hause. So weit weit weg.

Fast 70 und auf großer Abenteuerreise. Sie waren nicht die ersten, nicht die einzigen und auch nicht die ältesten „elderly People“, die den weiten mühsamen Weg geschafft haben. Nichtsdestotrotz fühlten sie sich wie Pioniere. Captain Cook kann nicht viel aufgeregter gewesen sein, als er seinen Fuß auf neuseeländischen Boden setzte. Und ich war ein bisschen stolz, dass ich sie heil down under gebracht hatte. Und glücklich, dass sie glücklich waren.

Der zweite Tag begann richtig toll. Die Sonne lachte, die frostigen 13 Grad waren gestern, heute wurde im T-Shirt in der Sonne gefrühstückt. Wir probierten uns durch unsere gestrigen Einkäufe und hatten es so richtig gut. Man beachte den Riesenklumpen Butter (Normalgröße) auf dem Tisch und den geräucherten Gockel (lecker!)…

Über den ersten „Reisetag“ in Neuseeland lässt sich im wesentlichen berichten, dass wir alle Augenblicke anhielten und die Aussicht bestaunten oder an den Strand rannten. Schon nach wenigen Stunden hatten meine Eltern  (vor allem meine Mutter) mehrere Kilo Steine und Muscheln zusammengesammelt, die unbedingt mit nach Hause sollten. Klar, ne?

Touristisches Sightseeing-Highlight des 1. Reisetages waren die Moeraki Boulder, 3 km nördlich von dem kleinen Ort Moeraki. Wir kamen nach „Feierabend“ an, also zu einer Zeit, wo das Restaurant bereits geschlossen hatte und die anderen Touristen weitergefahren waren. Der Strand und die Boulders gehörten uns ganz alleine.

Wunderbarerweise war gerade Ebbe, sodass fast alle dieser überdimensionalen Murmeln zu sehen waren.

Geologisch betrachtet, sind die Kugeln durch Kristallisierungsprozesse entstanden. Sie wiegen mehrere Tonnen und haben teilweise einen Umfang von mehr als 4 Metern. In der Maori Mythologie sind es Körbe, mit denen die Vorvorfahren Lebensmittel mitgebracht haben. However – sie sind ein tolles Phänomen und sehr fotogen.

Einer der Boulders war in der Mitte auseinander gebrochen, sodass der kristalline Kern zu sehen war. Wahnsinnsding!

Weil es schon spät und der nächste Campingplatz weit war, blieben wir gleich in Moeraki. In dem kleinen Ort gab es einen netten Campingplatz, der von einer älteren Schweizer-Lady geführt wurde. Sie war schon vor Jahr und Tag nach Neuseeland gekommen. Alles toll, nur das Brot war nicht ihre Sache. Also buk sie selber verkaufte es im Kiosk. Die Lady war sehr sehr nett und das Brot sehr gut. Der Campingplatz war klein aber gemütlich, die Küche und Sanitäranlagen waren erst vor kurzem erneuert worden.

Fürs Abendbrot ging mein Vater seiner Lieblingsbeschäftigung nach: 1 Kilo Zwiebeln schälen. Denn es gab dicke Rindersteaks und dazu muss man bekanntlich mindestens ein Kilo Zwiebeln braten“ Die Steaks waren 1a!!! Aber die Kartoffeln waren etwas speziell. Aus unerklärlichen Gründen wollten sie einfach nicht gar werden und waren nach 40 Minuten Sturmkochen immer noch aldente. Mystery…

Meine Eltern krochen zum Schlafen in unseren Camper und ich bezog mein kleines Cabin, gleich daneben.

Es war mehr Platz drin, als es von außen scheint.

Bevor wir Moeraki am nächsten Morgen verließen, musste ich meinen Eltern noch eine Entdeckung zeigen, die ich während einer früheren Neuseeland-Reise gemacht hatte. Oberhalb der kleinen Ortschaft verläuft ein schöner Wanderweg entlang der Steilküste. Von dort zweigt nach wenigen Metern ein kleiner Ziegenpfad ab, der runter zum Strand geht.

Es ist wirklich nur ein Ziegenpfad, man muss fast auf dem Hosenboden runterrutschen, so steil geht es da runter. Mit Ach und Krach konnte ich meinen Vater zu dieser Kletterpartie überreden, ich wollte ihm unbedingt die Versteinerungen in den Felsen zeigen. Von den Moeraki Bouldern kann man noch und nöcher in Reiseführern und im Internet lesen. Über diese Versteinerungen hab ich nirgends etwas finden können.

Kann sein, dass sie nicht publik machen werden wollen, denn hier am Strand nisten auch Gelbaugen Pinguine. Zumindest hab ich damals einen Junior Pinguin in Mauser getroffen, der anscheinend keine Lust hatte, den ganzen Tag auf Mami und Papi zu warten.

Oben in den Felsen nisten einige Shags – die neuseeländische Version unserer Kormorane. Der Sand ist von einem unglaubliche Orange. Er sieht aus wie diese kleinen orangefarbenen Zuckereier, die es manchmal zu Ostern gibt. Die Körnung entspricht auch ungefähr dieser Größe. Allerdings versinkt man mit jedem Schritt knietief und kommt nur schwer vorwärts.

Südlich von Moeraki steht ein kleiner Leuchtturm, der gerne von Pinguin-Watchern angesteuert wird. Morgens und Abends kann man in kleinen Schutzhüten die seltenen Gelbaugen-Pinguine dabei beobachten, wie sie zur Arbeit gehen, bzw. wie sie Abends von der Arbeit kommen, um Jungen zu füttern. Auch Angler suchen die fischreiche Küste unterhalb des Leuchtturms gerne auf.

Die nächsten Stunden, nachdem wir Moeraki verlassen haben, gestalten sich ähnlich wie am Vortrag: Alle paar Kilometer halten wir an, rennen an den Strand und schleppen weitere Kilos Muscheln und Steine zusammen.

Ein paar Stunden später (obwohl nur 100 km Distanz) kommen wir endlich am Shagpoint an – ein Küstenabschnitt nördlich von Dunedin, an dem große Shag-Kolonien brüten. Außerdem gibt es Seehunde und Pinguine. Zum Pinguin-Watching sind in Strandnähe kleine Beobachtungshütten aufgebaut. Weit genug entfernt, um die seltenen Gelbaugen-Pinguine nicht zu stören. Hunde sind absolut verboten.

Am Shagpoint weht eine steife Brise. Der Kontakt zu den Robben ist teilweise so dicht, dass man ihnen die Flossen schütteln könnte. Das lassen sie natürlich nicht mit sich anstellen. Wer zu dicht kommt, wird durch böss Fauchen und Brüllen verwarnt. Wer meint, dass er ihnen trotzdem noch näher kommen muss, wird in den meisten Fällen erleben, dass sie das Weite suchen. Wenn es ganz arg kommt, können sie auch schnappen.

Während öffentliche Toiletten in Deutschland rar gesät sind oder so verdreckt, dass man sie nicht benutzen mag, sind die Kiwis anders an dieses Problem heran gegangen. Sie haben sich wohl gesagt: Wenn wir in unserer schönen Natur kein unkontrolliertes Anhäufen von Haufen wollen, müssen wir Toiletten aufstellen und sie regelmäßig reinigen, damit sie auch genutzt werden. Egal wo man hinkommt, in jedem Ort und bei jeder Touristen Attraktion gibt es öffentliche Toiletten, die meist kostenlos benutzt werden können. Da unser kleines Wohnmobil (kurz Womo) ohne Toilette ist, sind wir für dieses Engagement mehr als dankbar. Der Zustand der Toiletten ist natürlich nicht immer 1a, aber meistens 1b oder c. Auch am abgelegenen Shag-Point wurde ein kleines Bio-Klo aufgestellt.

Die größte Stadt im Süden Neuseelands ist Dunedin. Die Menschen in dieser Region stammen zum großen Teil von Schotten ab. Das merkt man unter anderem an ihrem Slang, der kaum zu verstehen ist. Da braucht es viel Phantasie, selbst gutes Schulenglisch hilft einem nicht wirklich weiter. Kommunikationsschwierigkeiten an der Tankstelle führen z.B. dazu, dass wir die Fenster geputzt bekommen. Wir hatten eigentlich (so dachten wir) ausgemacht, dass das Öl kontrolliert wird.

Auch an der Bauweise der Häuser zeigt sich das Erbe der schottischen Vorfahren: Robuste Häuser aus dicken Felsquadern, die es sonst kaum irgendwo in Neusseeland gibt. Und dann gibt es natürlich noch die jährliche Mackenzie Highland Show. Zu diesem Anlass holen die Kiwis ihre Kilts und Dudelsäcke hervor und lassen in der neuen Heimat alte Schottentraditionen aufblühen.

Die Besiedlung Dunedins geht ursprünglich auf religiöse Streitigkeiten auf der anderen Seite der Erde zurück. Eine Spaltung der schottischen Presbyterianer brachte die frommen Köpfe der Bewegung auf die Idee, in Neuseeland einen Neuanfang zu machen, dabei sollten „Frömmigkeit, Redlichkeit und Fleiß“ an erster Stelle stehen. Im Jahre 1848 gingen dann die ersten 300 schottischen Siedler an Land und gründeten New Edinburgh. Daraus wurde später Dunedin (Edin auf dem Hügel).

Wir tätigten noch ein paar Einkäufe bei den schottischblütigen Kiwis. Dann verließen wir die Pazifikküste, es ging ins Landesinnere, Tagesziel ist Te Anau. Schon bald türmten sich die schneebedeckten neuseeländischen Alpen vor uns auf. In dieser Region gibt es riesige Hirschherden, die deutsche TK-Truhen mit Hirschfleisch aus Neuseeland füllen. Morgen wollen wir in der Region Fjordland zum berühmten Milford Sound.

In den frühen Abendstunden erreichen wir endlich Te Anau. Der Ort ist der beste Ausgangspunkt für Ausflüge und Expeditionen ins Fjordland. Dementsprechend hat er das Flair einer Touristenauffangstation. Die Campingplätze sind (Nachfrage bestimmt den Preis) deutlich teurer als in den letzten Tagen. Die Caravans stehen in Reih und Glied mit minimalem Abstand nebeneinander. Rucksack-Touristen finden ein Bett in den Mehrfachzimmern eines Backpackers. Wem es nach etwas mehr Intimität dürstet, übernachtet in einer kleinen Einzelzelle in einem riesigen Gebäudekomplex.

Als Ausgangspunkt für die Reise ins Fjordland ist Te Anau perfekt, denn danach kommt die nächsten 120 km nichts mehr und davor ist auch nicht viel außer Weideland für Hirsche. Von einem hübschen Urlaubsort kann man allerdings nicht reden, auch wenn der Ort an dem schönen Lake Te Anau liegt.

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